Erfolgsfaktor Bilanzierung

 

Ausgangspunkt:

 

Für Unternehmen jeder Größe gibt es die Verpflichtung, ein Mal pro Jahr abzurechnen. Dieses geschieht in Form eines Jahresabschlusses, der von Wirtschaftsgesetzen in verschiedenen Ländern und Regionen unterschiedlich geregelt wird. Die bekanntesten Richtlinien in Österreich sind:

                        das lokale Unternehmensrecht,

                        die europäische Variante des IFRS und

                        die amerikanische Variante US GAAP.
Die österreichische Variante baut auf dem Prinzip des Gläubigerschutzes auf, die internationalen Varianten auf dem Shareholder Value Prinzip.

Bei der Bilanzierung werden alle in der abgelaufenen Periode im betrieblichen Rechnungswesen aufgezeichneten historischen Zahlen in eine bestimmte vorgeschriebene Form gebracht. Das wäre im Wesentlichen kein großes Problem, gäbe es nicht die Besonderheiten der Bewertung unterschiedlicher Positionen des Jahresabschlusses.

Im Normalfall beschäftigt sich eine entsprechend ausgebildete Person oder Personenkreis mit der Komprimierung der verfügbaren Daten zum Jahresabschluss. Es werden dabei selbstverständlich alle gesetzlichen und moralischen Vorgaben berücksichtigt und es entsteht ein Jahresergebnis einer Gesellschaft, das eventuell

                        diskutiert,

                        kontrolliert,

                        geprüft, aber doch schlussendlich                         

                        veröffentlicht wird und zusätzlich

                        als Basis für die Ermittlung von Ertragsteuern dient.

In dieser Art ermittelte Jahresabschlüsse beschäftigen sich üblicherweise zu wenig mit den Spezialitäten der berichtenden Gesellschaft, ihrer Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Marktes. Nur in Spezialfällen, wie z.B. bei Katastrophen, wird die berichtende Gesellschaft adäquat berücksichtigt.

Gesellschaften sind jedoch einzigartig. Dieses sollte sich im Jahresabschluss und im Ergebnis widerspiegeln. Daher ist bei zwei gleichartigen Unternehmen mit gleichen Zahlen nicht zwangsläufig das Jahresergebnis dasselbe. Im Extremfall ist im Zeitablauf bei ein und derselben Unternehmung bei gleichen Zahlen im Rechnungswesen - unter der Voraussetzung der Berücksichtigung der Spezialitäten - das Ergebnis jedenfalls unterschiedlich.

Daher sollte die Erstellung des Jahresabschlusses von einem Experten durchgeführt werden, der sich als Generalist ein umfassendes Bild der Gesellschaft erarbeitet. Nur in einem derartigen Fall ist mit einem dem Unternehmen angepassten Jahresabschluss rechnen.

Das oberflächliche Argument der Betrachtung einer Gesellschaft über den gesamten Lebenszyklus oder über größere Zeiträume, und somit der Glättung der einzelnen Jahresergebnisse kann nicht gelten. Jahresergebnisse müssen immer den einzelnen Jahresperioden genau Rechnung tragen. Nur so kann sich die Gesellschaft in dem aktuellen wirtschaftlichen Umfeld definieren und vergleichen.

 

Verbesserungspotenziale:

Durch genaue Kenntnis einer Gesellschaft können viele Verbesserungen in der Aussagefähigkeit des Jahresabschlusses und dem ausgewiesenen Jahresergebnis eingebracht werden, ohne die vorgegebene Bilanzpolitik und gesetzliche Vorgaben zu vernachlässigen.

Je Situation kann man erlaubte Spielräume unterschiedlich verwenden und interpretieren.

 

Adressaten eines Jahresabschlusses

Dem Ersteller eines Jahresabschlusses muss immer bewusst sein, wer die Adressaten seines speziellen, jetzt zu erstellenden Jahresabschlusses sind.

Nicht alleine die Eigentümer der Gesellschaft haben ihr ureigenes Interesse an diesen Zahlen, sondern auch viel andere Institutionen und Interessensgemeinschaften. In einem Atemzug mit den Eigentümern muss man die Beschäftigten der Gesellschaft berücksichtigen, das gesamte Umfeld am Markt wie Kunden, Lieferanten, Banken Versicherungen, Darlehensgeber und viele andere mehr haben selbstverständlich Interesse, genauso wie Steuerbehörden, Umweltschutz, Gemeinden, Länder und Staaten.

Man muss im Vorfeld definieren, welche Informationen für welche Adressaten des Jahresabschlusses wie und wo dargestellt werden sollen.

Daher muss bekannt sein, welche Teile eines Jahresabschlusses für welche Adressaten einsichtig gemacht werden (müssen).

Zusätzliche Informationen für bestimmte, intern definierte Leser des Jahresabschlusses können immer, je nach Unternehmenspolitik und Unternehmenszielen in die Berichterstattung inkludiert werden.

 

Angemessene Berücksichtigung der Unternehmensziele und Unternehmenspolitik

Der Jahresabschluss muss Unternehmensziele und Politik adäquat darstellen. Wenn dieses im Zahlenwerk möglich ist, sollten die Ziele und Politik auch dort präsentiert und leicht ersichtlich sein. Wenn diese Möglichkeit nicht besteht, müssen die Unternehmensziele und Politik in den schriftlichen Beilagen (Erläuterungen und Lagebericht) ausführlich dokumentiert sein.

Die Darstellung der Unternehmensziele und Politik ist für den Leser des Jahresabschlusses ein Maß für die zukunftsorientierte Zielgerichtetheit einer Gesellschaft.

 

Gewinnmaximierung ist nicht das Allheilmittel

Insgesamt sind Gewinnziele für eine Gesellschaft sehr wichtig, es dürfen jedoch andere Ziele des Unternehmens, der Allgemeinheit und des Umfelds nicht vernachlässigt werden.

Das ausschließliche Unternehmensziel kann nicht die Gewinnmaximierung sein. Dieses Ziel vernachlässigt durch absolute Vergangenheitsorientierung wenigstens das Ziel des Fortbestandes der Gesellschaft.

Ähnliche gewinnmaximierende Ziele, wie z.B. der Shareholder Value und die daraus hergeleiteten Bewertungsgrundsätze, haben sich in der Vergangenheit nicht bewährt und maßgeblich zur Entstehung der letzten Wirtschaftskrisen beigetragen. Philosophisch moralisch gedacht unterstützen derartige Ziele die Gier einzelner Protagonisten.

 

Sind gute/schlechte Ergebnisse wirklich so gut/schlecht wie sie erscheinen?

Jede einzelne Position eines Jahresabschlusses wird von einem Leser persönlich interpretiert. Schlussendlich entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers ein Gesamtbild der Gesellschaft, das zur Beurteilung der Lage verwendet wird. Falsche Interpretationen führen daher zu einem falschen Erscheinungsbild.

Die Aufgabe bei der Erstellung des Jahresabschlusses ist somit die Interpretationen der Bilanzadressaten so zu lenken, dass das Bild der Gesellschaft in den Augen der Adressaten genau das wiederspiegelt, was der Ersteller ausdrücken wollte.

Eine einfache Darstellung eines Jahresabschlusses ohne Berücksichtigung der vom Unternehmen gewollten Aussage, der spezifischen Daten sowie der Spezialitäten der Gesellschaft führt daher oft zu falschen Interpretationen des Jahresabschlusses durch die Adressaten, was es ja zu vermeiden gilt.

 

Es bestehen Möglichkeiten im Ausweis zur Verbesserung des Ergebnisses

Das bedeutet nicht, dass das Jahresergebnis alleine durch unterschiedlichen Ausweis von Positionen verändert werden kann.

Dieses ist nur in Sonderfällen möglich, und zwar dann, wenn die Beurteilung eines Geschäftsvorkommnisses unterschiedlich vorgenommen werden kann. Durch unterschiedliche Beurteilung können Erfolgsrechnungspositionen in die Bilanz wandern und umgekehrt.

Wichtig bei jedem einzelnen Bewertungsschritt ist die auf die jeweilige Gesellschaft abgestimmte durchgängige Erklärung des bewerteten Geschäftsvorkommnisses. Gerade bei derartigen Interpretationen von Geschäftsvorfällen muss der gesamte Belegverlauf mit der präsentierten Erklärung übereinstimmen.

Durch die Freiheit des Erstellers eines Jahresabschlusses nicht nur vorgeschriebene Informationen darzustellen, sondern auch zusätzliche Aussagen zu integrieren, kann die Ergebnisinterpretation der Leser auch positiv beeinflusst werden.

Es genügt daher nicht nur die vorhandenen vorgeschriebenen Positionen des Jahresabschlusses zu bearbeiten, sondern es muss auch die Möglichkeit der Einführung zusätzlicher Positionen bzw. des Weglassens bestehender Positionen diskutiert und bewertet werden.

 

Berücksichtigung des aktuellen Geschäftsverlaufes

Die allgemeine wirtschaftliche Lage kann in das Ergebnis einfließen, die spezielle tut es beim Jahresabschluss sowieso.

Es lohnt sich jedenfalls, das eigene Unternehmen im Markt einzuordnen und zu bewerten. Auch Vergleiche mit Mitbewerbern können die Beurteilung eines Unternehmens beeinflussen.

Daher sollte in allen Erläuterungen, sowie bei der Berichterstattung über die wirtschaftliche Lage auf die eigene Einschätzung des aktuellen Geschäftsverlaufes hingewiesen werden und auch die daraus entstehenden Konsequenzen für Cash Flow und Liquidität.

Leser des Jahresabschlusses werden in den meisten Fällen die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Positionen und dem Geschäftsgang nicht erkennen, da meisten nur Vergleiche mit den Vorjahreszahlen durchgeführt werden.

Daher ist es besonders wichtig den Geschäftsverlauf adäquat und verständlich zu erläutern.

 

Berücksichtigung der speziellen unternehmerischen Risiken

Jedes Unternehmen hat einen für sich spezifischen Risikoverlauf. Alle möglichen Risiken sollten in einem Risikoteil des Geschäftsberichtes dargestellt sein. Als Hilfsmittel eignet sich dazu ein laufend geführter Risikobericht im Unternehmen.

Zu berücksichtigen sind dort nicht nur ausschließlich Risiken aus dem unternehmerischen Bereich, sondern auch allgemeine Risiken von Markt, Politik, Standort etc.

Es wird dabei jeweils ein einzelnes bestimmtes Risiko angesprochen, diskutiert warum es besteht, erläutert wie das Unternehmen auf dieses Risiko reagiert, wie dieses Risiko vermieden oder ausgeschaltet wird, wie hoch dieses Risiko maximal sein kann und eventuell die Eintrittswahrscheinlichkeit geschätzt. Zusätzlich besteht die Möglichkeit der Einführung von Risikokennzahlen. Das Kennzahlensystem ist jedoch nicht so wichtig, wie das Bewusstsein und Beschäftigung mit der Existenz bestimmter Risiken für das Unternehmen.

Anhand dieses Risikoberichtes können am Jahresende Risiken neu bewertet werden, was zur Auflösung bzw. Neubildung von Risikovorsorgen führen kann.

 

Berücksichtigung zukünftiger Entwicklungen

Bereits bekannte zukünftige Entwicklungen können im Jahresabschluss nicht nur im der Darstellung der wirtschaftlichen Lage dokumentiert werden, sondern gemäß der Bilanzaufhellungstheorie unter Umständen auch im Rechenwerk: Generell werden wertbegründende Tatsachen der abgelaufenen Periode, die zwischen Stichtag und Bilanzerstellung bekannt werden (Wertaufhellung) berücksichtigt.

Es bedarf zur Anwendung einer durchgängigen Argumentation. Es eröffnet sich dadurch auch ein neuer nutzbarer Bewertungsspielraum zur Darstellung der Gesellschaft.

 

Bewertung der Aktiva

Dieser Bereich stellt ein weites Feld individueller Einstufungen in einem Unternehmen dar. Beginnend mit dem Ausweis im langfristigen oder kurzfristigen Bereich mit unterschiedlichen Bewertungsvorschriften, bis zur Einzelbewertung von Vermögensgegenständen.

Der Spielräume sind groß, die Anforderungen an die bewertende Person bezüglich Wissen und Management der Bilanzvorschriften in Bezug auf die Gesellschaft sehr hoch.

Bei kurzfristigen Aktiva besteht die Möglichkeit mit geringen Bewertungsänderungen Jahresergebnisse drehen, zukünftige Perioden belasten oder entlasten, aber auch Bilanzen und somit das Ergebnis zu Unrecht verändern. Der Grat zu einer falschen Bewertung ist in diesem Bereich besonders schmal.

Als wesentlicher Punkt zur Beurteilung zwischen wahrer und falscher Bilanz steht immer die Begründung von Bewertungsänderungen. Daher muss diesem Thema sehr große Aufmerksamkeit zugedacht werden um Erklärungsnotstände ex post auszuschließen.

Im langfristigen Bereich der Aktiva sind die ergebnisverändernden Bewertungseinflüsse nicht derartig gravierend, wie im kurzfristigen Bereich. Dennoch besteht die Möglichkeit kurzfristig und einmalig, sozusagen zur Krisenbewältigung, bestehende langfristige Aktiva neu zu bewerten. Von dieser Neubewertung sind gemietete Anlagegüter, die am Vertragsende ins Eigentum übergehen können, nicht ausgeschlossen. Diese Auflösungen oder Bildungen von Reserven haben nur einen einmaligen Effekt pro neu bewerteter Position.

 

Bewertung der Passiva

Auch hier unterscheidet man lang- und kurzfristige Positionen. Ein weiterer Unterschied ist die Klassifizierung in Verbindlichkeiten, die die unternehmerischen Schulden darstellen und Rückstellungen, die der Risikovorsorge dienen.

Die Bewertung der Verbindlichkeiten sowie die Berechnung steuerlich definierter Personalrückstellungen verursachen keine schwerwiegenden Probleme bei der Erstellung von Jahresabschlüssen.

Personalrückstellungen sind steuerlich geregelt, können aber nach internationalen gesetzlichen Bewertungskonzepten unterschiedlich zu steuerlichen Vorschriften bewertet werden. In diesem Bereich besteht daher durchaus Spielraum zur Veränderung von Jahresergebnissen. Steuerliche Vorteile können jedoch daraus im Normalfall nicht abgeleitet werden.

Die sonstigen Rückstellungen nehmen großen Einfluss auf das Unternehmensergebnis. Der Grund der Rückstellung muss in der Vergangenheit liegen, während die Höhe der Verbindlichkeit noch nicht feststeht. Daher benötigt man zum Nachweis der Notwendigkeit und betragsmäßigen Höhe von Rückstellungen und zur Vermeidung von Diskussionen im Nachhinein am besten einen systematischen Risikobericht, der adäquate Erläuterungen darstellt.

 

Kontrollen

Bei Kontrollen, sei es durch betriebliche Aufsichtsorgane, Finanzamt, Wirtschaftsprüfer, Rechnungshof, wird systematisch nach Erklärungen der Positionen des Jahresabschlusses geforscht.

Festgestellt werden dabei regelmäßig ergebnisverändernde Fehler, die im schlimmsten Fall veröffentlicht werden und die Reputation der Gesellschaft negativ beeinflussen können.

Vor einmaligen Fehlern ist sicherlich niemand gefeit, jedoch sollten Fehler durch systematische Kontrollsysteme möglichst vermieden werden.

Keinesfalls darf es vorkommen, dass wegen eines Erklärungsnotstandes bei der Präsentation des Jahresabschlusses bei der Kontrolle von Bilanzpositionen ergebnisverändernde „Fehler“ aufgedeckt werden. Bei ordnungsgemäßer Dokumentation könnten diese „Fehler“ schlüssig erklärt und die Richtigkeit nachgewiesen werden.

Es ist wichtig, alle Positionen des Jahresabschlusses in allen Einzelheiten zu dokumentieren und im Nachhinein erklären zu können. Daher benötigt man für die Erstellung des Jahresabschlusses sehr erfahrene Personen, die derartige Fragestellungen im Voraus abschätzen können und für jede Position eine durchgängige Geschichte entwickeln.

 

 

Zusammenfassung:

Grundsatz 1: Ein Jahresabschluss ist eine Berichterstattung über ein Unternehmen über einen bestimmten Zeitraum. Jedes Unternehmen ist spezifisch und speziell. Das fordert die Ersteller des Jahresabschlusses heraus so zu berichten, dass der Einzigartigkeit des speziellen Unternehmens Rechnung getragen wird.

Grundsatz 2: Jede einzelne mögliche Position des Jahresabschlusses in Bilanz und Erfolgsrechnung muss auf Fristigkeit, Höhe, Bewertung, sachliche Zuordnung der summierten Werte, Ausweis, steuerliche Relevanz – immer unter Berücksichtigung der Wesentlichkeit - überprüft werden und so in den Jahresabschluss einfließen.

Grundsatz 3: Nicht alleine das laufende bewertete Zahlenwerk der Unternehmensrechnung beeinflusst den Jahresabschluss, sondern auch die Darstellung des Umgangs mit (unternehmerischen und öffentlichen) Risiken.

Grundsatz 4: Ein Jahresabschluss besteht auch aus einem Erläuterungsteil und einem Bericht über die wirtschaftliche Lage. Mit diesen Beilagen besteht die Möglichkeit der Beeinflussung der Interpretation des Jahresabschlusses durch die Leser. Es darf keinen Spielraum für vom Unternehmen ungewollte Interpretationen von Teilen des Abschlusses oder seiner einzelnen Positionen geben. Erläuternde Erklärungen sind deshalb besonders wichtig.

Grundsatz 5: Der Ersteller eines Jahresabschlusses muss sich intensiv mit dem Unternehmen, seiner Politik und Zielen, den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten, der Stellung und Performance am Markt und in der Gesamtwirtschaft auseinandersetzen und dieses Gesamtwissen im Jahresabschluss adäquat darstellen.

Grundsatz 6: Der Ersteller eines Jahresabschlusses benötigt spezielles Know-how nicht nur für die Bilanzierung, sondern auch für die Erläuterungen gegenüber kontrollierenden Institutionen. Eine angemessene Dokumentation ist dafür notwendig.

Grundsatz 7: Vertrauen Sie bei der Erstellung des Jahresabschlusses einem Spezialisten!

 

Mag. Otto Schmit

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